über die seufzerbrücke – 33 zweiminuteneinsichten

Neu ab Ende März 2022 für Fr. 5.– pro Stück.

seufzerbrücke

In Venedig führt eine elf Meter lange, weisse Kalksteinbrücke über den Rio di Palazzo und verbindet den Fürstenpalast mit dem alten Gefängnis. «Seufzerbrücke» wird die kunstvolle Überführung genannt. Diesen Namen trägt sie seit dem 17. Jahrhundert. Von der Brücke aus schauten die zu Gefängnis oder Tod Verurteilten mit Blickrichtung Meer ein letztes Mal die Freiheit. Dabei stiessen sie ihre Seufzer aus.

Ein Seufzer ist laut Duden das «hörbare Einziehen des Atems». Menschen seufzen nicht nur auf dem Weg ins Gefängnis. Tagtäglich entfährt uns der eine oder andere Seufzer, sobald uns ein Konflikt herausfordert oder eine Situation überfordert. Der Apostel Paulus verwendet im Herzkapitel 8 des Römerbriefs das Wort seufzen dreimal mit drei Subjekten: Mensch und Natur seufzen, weil sie sich nach Ganzheit und Vollkommenheit sehnen. Aber auch Gottes Geist nimmt unser Seufzen auf und bringt es im Himmel zur Sprache. Mit allem, was uns Mühe bereitet, sind wir vom mitfühlenden Gott zutiefst verstanden.

Wir gehen im Leben über Seufzerbrücken. Weil Gott mitgeht und mitträgt, fallen wir nicht ins Jammertal.

Römer 8, 22/23/26

das kopfkissen

Ein Mitglied des verantwortlichen Gremiums rief mich an und sagte, ich solle zum morgigen Bewerbungsgespräch einen mir wichtigen Gegenstand mitbringen. Beim Abendessen witzelte ich: «Wie wäre es, wenn ich das Kopfkissen mitbringe …?» Ich würde dabei an den Sketch von zwei Comedians erinnern. Sagt der verzweifelte Chef zum Lehrling: «Kannst Du eigentlich irgendetwas schnell …?» Antwortet der Lehrling mit schlafender Stimme: «Ja, ich werde sooo schnell müde …!»

Am anderen Tag war für mich klar: ich bringe das Kopfkissen mit. Im Vorstellungsgespräch erinnerte ich an den Sketch. Aber auch an Jesus, der während des Seesturms auf einem Kopfkissen seelenruhig schlief. Ich erwähnte, dass die Nacht, der Schlaf und die Träume meine Inspirationsquellen sind. Meist finde ich zur richtigen Entscheidung, wenn ich eine drängende Frage überschlafe. Und der Psalmist sinniert: «Seinen Freunden gibt es der Herr im Schlaf.»

Die Leute sprachen nach dem Gespräch über meinen Einstieg und das Kissen. Wenige Tage später erhielt ich Bescheid, dass ich die Stelle bekomme. Ich schlief noch eine Nacht darüber. Am anderen Morgen sagte ich zu.

Psalm 127, 2

gottesbilder

Damals im Religionsunterricht der sechsten Klasse schickte uns die Lehrerin für eine Umfrage auf die Strasse. Wir sollten nachfragen, welche Bilder und Vorstellungen sich die Menschen von Gott machten. Ich ging schnurstracks zum Pfarrhaus und konfrontierte unseren Dorfpfarrer mit dieser Frage. Er lud mich an seinen Schreibtisch und erzählte.

Er sprach vom Bilderverbot der Bibel. Von Unzulänglichkeiten der Bilder, weil kein Bild jemals Gott gerecht werden könne. Dennoch nahm er ein Blatt und zeichnete eine ausgestreckte Hand. «So stelle ich mir Gott vor», sagte er und blickte auf. «Gott kommt in Jesus auf uns zu und hat seine Hand nach uns Menschen weit ausgestreckt.» Inspiriert verliess ich das Pfarrhaus mit dieser Zeichnung.

Das praktische Bild formte meinen Glauben und entfaltete im Lauf des Lebens seine Kraft. Vor allem beim Gang über Seufzerbrücken. Beten wir, so erlauben wir der ausgestreckten Hand uns zu führen. Sie wird zur vertrauten Hand, die uns trägt und schützt, uns umgibt und segnet.

«Der du allein der Ewge heisst und Anfang, Ziel und Mitte weisst im Fluge unsrer Zeiten. Bleib du uns gnädig zugewandt und führe uns an deiner Hand, damit wir sicher schreiten.» (Jochen Klepper)

Psalm 73,23

«über die seufzerbrücke – 33 zweiminuteneinsichten» : Bestellen